Ein Dreimaster auf neuem Kurs: Martin Ettlinger steuert das Verkehrshaus der Schweiz seit März als neuer Direktor. Im Gespräch erklärt er, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenspielen, wohin die Reise geht, warum ihn dieser Ort seit jeher fasziniert – und wie er diese Begeisterung weitergeben will.

Sie haben am 1. März die Leitung von Martin Bütikofer, der das Verkehrshaus während 16 Jahren prägte und Ende Februar 2026 in Pension gegangen ist, übernommen – was reizt Sie an dieser Aufgabe besonders?
Martin Ettlinger: Mich reizt die Einzigartigkeit dieses Hauses. Hier werden Dinge möglich, die es so nirgends gibt. Gleichzeitig hat das Verkehrshaus eine besondere Ausstrahlung. Es ist ein Ort, der seit Generationen fasziniert. Ich gehe mit Freude aber auch mit einem gewissen Respekt an diese Aufgabe heran.
Sie sind seit 2021 Mitglied der Geschäftsleitung des Verkehrshauses Schweiz und vertraut mit dem Haus. Was bedeutet Ihnen dieses weit über die Landesgrenze hinaus bekannte Museum?
Es ist ein Stück weit ein Kindheitstraum, der Realität wird. Seit ich hier arbeite, darf ich diesen Ort aktiv mitgestalten. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, angekommen zu sein. Das Verkehrshaus ist für mich ein einzigartiger, positiver Ort, der von einem starken Teamgeist geprägt ist.
Ihr Anspruch ist, alle für Technik und Mobilität zu begeistern. Wo sehen Sie das Verkehrshaus in fünf bis zehn Jahren?
Unser Haus ist wie ein Dreimaster-Segelschiff: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft greifen ineinander und halten uns in Bewegung. Wir entwickeln uns kontinuierlich weiter, stärken gezielt neue Angebote wie hoffentlich bald eine Beherbergungslösung und bleiben der führende Ort für Wissen rund um Mobilität. Gleichzeitig bauen wir unsere Rolle als Plattform für den Dialog aus. Entscheidend ist, dass das Verkehrshaus auch in 10 Jahren ein Arbeitsort bleibt, wo die Menschen gerne ihre Kraft einsetzen und auf ihre sinnstiftende Arbeit stolz sind.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchten Sie künftig stärker setzen – eher Technik, Geschichte oder Zukunft der Mobilität?
Ich denke nicht in Entweder-oder-Kategorien. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören zusammen. Entscheidend ist die Verbindung von Technik, gesellschaftlichem Kontext und Vermittlung – verständlich, zugänglich und spielerisch umgesetzt.
Wie wollen Sie neue Zielgruppen für das Verkehrshaus begeistern?
Wir erreichen heute bereits ein breites Publikum. Dieses Fundament bauen wir weiter aus. Wachstum sehe ich insbesondere bei internationalen Gästen sowie im Gruppen-, Konferenz- und Eventbereich. Unser Anspruch bleibt, ein Haus für alle zu sein.

Welche Entwicklungen in der Mobilität werden Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren besonders prägend sein?
Die Transformation der Individualmobilität wird zentral sein, insbesondere im Bereich Elektrifizierung und autonomes Fahren. Gleichzeitig erleben wir in der Raumfahrt eine enorme Dynamik, die neue Perspektiven eröffnet.
Wie möchten Sie Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel im Verkehrshaus vermitteln?
Wir greifen diese Themen faktenbasiert auf, etwa in unserer Energiehalle mit wissenschaftlicher Begleitung. Sie wurde vor drei Jahren eröffnet und wird aktuell plangemäss umfassend weiterentwickelt. Die enge Zusammenarbeit mit der Wissenschaft stellt sicher, dass wir fundierte Inhalte vermitteln und gleichzeitig Denkanstösse geben.
Das Verkehrshaus ist auch ein Lernort – wie wollen Sie Bildungsangebote weiterentwickeln?
Bildung ist ein strategischer Kern des Verkehrshauses. Wir verankern sie konsequent in unseren Ausstellungen, entwickeln unsere Berufsparcours weiter und bieten massgeschneiderte Angebote nach Lehrplan 21 für Schulklassen. Mit der neuen Ausstellung «Wirklich?! Fakt, Fake oder Meinung» stärken wir gezielt die Medienkompetenz.
Welche Rolle spielen digitale Technologien und interaktive Ausstellungen in Ihrer Strategie?
Digitale Technologien und Interaktivität sind integraler Bestandteil unserer Arbeit. Unsere Kreativteams verfügen über spezifische Kompetenzen in diesem Bereich. Gleichzeitig bleibt die physische, haptische Erfahrung wichtig. Die Kombination beider Welten macht den Unterschied.
Gibt es konkrete Pläne für neue Ausstellungen oder Kooperationen?
Wir entwickeln unsere Inhalte laufend weiter. Im Juni eröffnen wir die Ausstellung «Rheinhäfen – unser Tor zur Welt». Parallel stärken wir das Thema Energie mit einem Update in der Halle und im Frühling mit dem Energiepark im Aussenbereich. Im nächsten Jahr folgt eine grosse Ausstellung zum Fliegen. Ergänzt wird das Programm durch Kooperationen mit Industriepartnern wie Ducati sowie durch Initiativen in den Bereichen Raumfahrt und Innovation.
Welche Bedeutung haben Events und Sonderausstellungen in Ihrem Konzept?
Events bringen Dynamik ins Haus und sprechen neue Zielgruppen an. Sonderausstellungen ermöglichen es uns, aktuelle oder gesellschaftlich relevante Themen vertieft zugänglich zu machen.
Wie möchten Sie das Verkehrshaus national und international positionieren?
Wir gehören zu den weltweit führenden Technikmuseen. Gleichzeitig wollen wir unsere Position als meistbesuchtes Museum der Schweiz sichern und weiter stärken.

Welche Partnerschaften – etwa mit Unternehmen, Forschung oder Politik – sind für Sie besonders wichtig?
Zentral sind Partnerschaften mit der Wirtschaft für unsere Ausstellungen. Ebenso wichtig sind Kooperationen mit Hochschulen und Universitäten. Eine tragende Rolle spielen auch die Beziehungen zur öffentlichen Hand – von Stadt und Kanton Luzern über die Zentralschweizer Kantone bis zur Eidgenossenschaft.
Wie kann das Verkehrshaus zur Innovationskraft der Schweiz beitragen?
Wir leisten einen Beitrag, indem wir früh Begeisterung für Technik und MINT-Themen wecken und so langfristig Wirkung entfalten. Kinder und Jugendliche kommen bei uns mit MINT-Berufen in Berührung, daraus entwickeln sich die Fachkräfte von morgen. Gleichzeitig vernetzen wir Akteure aus Bildung, Forschung und Wirtschaft und schaffen Raum für Austausch und neue Impulse.
Was möchten Sie am Ende Ihrer Amtszeit im Verkehrshaus erreicht haben?
Mein Ziel ist ein Verkehrshaus, das auch für kommende Generationen relevant bleibt. Ein Ort, den man bewusst aufsucht, als Kind, als Erwachsener, als Lernender. Ein Ort, der begeistert, überrascht und man ganz nebenbei noch etwas lernt.
Interview: Corinne Remund
Zur Person: Martin Ettlinger ist seit 2021 Mitglied der Geschäftsleitung und leitete zuletzt den Bereich Markt und Entwicklung. Der Jurist verfügt über Erfahrung an der Schnittstelle von Medien, Kultur, Verwaltung und Wirtschaft. Frühere Funktionen führten ihn unter anderem zur Eidgenössischen Zollverwaltung, wo er als Sektionschef für nationale und internationale Geschäfte tätig war und ein breites Netzwerk innerhalb der Bundesverwaltung aufbaute. Zuvor vertrat er die Interessen des Kantons Luzern in Bern. Seine berufliche Laufbahn begann im Medienbereich beim Schweizer Radio und Fernsehen sowie beim Verband Schweizer Medien, wo er als Rechtskonsulent und Mitglied der Geschäftsleitung wirkte.



